Wahrnehmung - Porno im Exil?

April 24th, 2008

> Na, darüber sprach ich doch, “daß ‘mann’ auch irgendwie der Schuldige
> daran sei” -
Dabei gehts nicht um schuldig in dem Sinne, sondern, dass es in
anderen Kulturen auch anders sein kann und ich es nicht für angeboren
halte. Wir leben in einer jahrtausende alten Tradition des
Phallussymbols. Wen wundert es da, wenn diesem Organ besonders viel
Beachtung geschenkt wird und es damit ständig in den Bereich der
Aufmerksamkeit rückt. Symbole sind ganz schön mächtig und langlebig.
>>
> Menschen, der biologisch auch nichts anderes ist als eine weitere
> Tierart, ist es eben so - das Betrachten des männlichen und des
> weiblichen Körpers im Hinblick auf ihre sekundären
> Geschlechtsmerkmale gibt bei einer Tierart wie beim Menschen
> eigentlich schnell Aufschluß.
Mir ging es darum, dass es auch bei Menschen sein kein, dass die
Männer sich schmücken und die Frauen schauen. Wie können sie
beurteilen, ob (wenn die Frauen weniger verklemmt erzogen wären) die
Frauen einen männlichen Körper nicht genauso reizvoll finden, wie
umgekehrt? Wieso sollte es die Frau sein die eher die Reize versprüht
und der Mann der sie eher aufnimmt. Das ist zwar bei uns so, aber
Männer werden hier auch zunehmend eitler und Frauen trauen sich
zunehmend auch knackigen Männern hinterher zu sehen (Auch sehr witzig
dazu: die Coca Cola light Werbung, da schauen nämlich die Frauen und
der Mann ist das Lustobjekt. Eine solch gedrehte Darstellung hat aber
kaum Tradition, denn dass man z.B. in der Werbung auch mal Männer als
lustobjekte sieht, ist ziemlich neu und wird vielleicht am Verhalten
der Frauen auf dauer etwas ändern)
>
> >
> > Nein: Erstens werden sie erlernt,
>
> Sorry, aber das ist einfach falsch. Wenn du das behauptest, benutzt
> du den Begriff außerhalb jeder anerkannten Definition. Das erschwert
> eine Unterhaltung natürlich ungemein.
Die Wahrnehmung selber ist tatsächlich lernfähig.(Ich habe Bücher
über Wahrnehmungspsychologie gelesen, sehr interessant!). Auf welche
Reize wir reagieren, wird auch vom Lernen beeinflußt. Daher hat man
bei Unfällen immer ganz verschiedene Zeugenaussagen, weil jeder auf
etwas anderes geachtet hat. Die Wahrnehmung ist nämlich eine
komplizierte Sache. Das, was auf der Netzhaut abgebildet wird, reicht
bei weitem nicht, um etwas zu erkennen. Das Gehirn muss erst Bilder
zusammenführen, Muster erkennen, Dinge ergänzen (z.B. blinder Fleck)
u.s.w.und schöpft dabei aus seinen Erfahrungswerten. Es ist also
bereits eine Gehirnleistung, die schon während des Sehens stattfindet
und da die Teile des Gehirns stärker miteinander interagieren, als
man früher geglaubt hat, spielen in die Wahrnehmung schon viele Dinge
hinein, die dem Denken oder der Erfahrung entsprungen sind. Es
funktioniert nicht, wie bei einem Photoappart, indem es erst einmal
das Gesehene so abbildet, wie es ist und dann folgt erst die
Verarbeitung, sondern das Gehirn arbeitet im Vorfeld schon mit einer
Menge “Vermutungen” oder “Erwartungen” und es wird nicht erst
“neutral betrachtet” und dann analysiert, sondern sofort
interpretiert. Das Gehirn sucht sofort nach Erkennbarem und erkennt
im Zweifel auch schon mal etwas, was gar nicht da ist, oder läßt
Störungen einfach wegfallen. Auffallen tut das bei optischen
Täuschungen, da merkt man nämlich, was das Gehirn sich da
zusammenreimt. Dann gibt es diese Fleckenbilder, bei denen man nur
etwas erkennt, wenn man weiß, was man da erkennen soll. Dabei können
eben kulturbedingte Unterschiede entstehen. Die Wahrnehmung gewöhnt
sich auch um. Während Leute vor 50 Jahren bei den schnellen Schnitten
unserer heutigen Filme, durchgedreht wären, schlafen wir manchmal bei
den langen Schnitten aus den 50gern halb ein. Mit Pornografie an
jeder Straßenecke wird bis zu einem gewissen Punkt die Reizempfindung
geschürt. Bei Überangebot schützt man sich vor Reizüberflutung durch
Nichtbeachtung. Man sieht zwar alles, aber registriert es nicht mehr.
(Wollte man den Leuten Pornos abgewöhnen, könnte man auch die
komplette Umgebung damit zupflastern. Irgendwann werden sie kaum noch
wahrgenommen und sind dann auch keine Schlüsselreize mehr.)Manchmal
sieht man eben tatsächlich das, was man erwartet oder sehen will und
nicht das, was wirklich da ist.
Ob Reize sexuelle Reize sind, wird zu einem großen Teil erlernt.
Natürlich bieten sich die Geschlechtsmerkmale (weil spannende
Unterschiede)in jedem Fall zuerst an. In Völkern, wo die Frauen immer
oben ohne rumlaufen, wird die Brust nicht ein ständiger sexueller
Reiz sein. Im Islam, wo sich die Frauen z.T komplett verhüllen
müssen, ist es dennoch kein Problem, wenn eine Frau ihre Brust zwecks
Stillen ihres Kindes entblößt (Plötzlich ist die gleiche Brust, als
Teil einer lebendigen Frau kein sexueller Reiz mehr). Obwohl Haare
von Männern und Frauen sich nicht unterscheiden (es sei denn durch
die Frisur), gelten Frauenhaare in islamischen Ländern oft als
sexueller Reiz und für manche sind auch rote Damenschuhe sexuelle
Reize. Manche kommen erst so richtig bei Lack und Leder in Fahrt.
Dagagen finden sie einen völlig nackten Körper eher langweilig. Da
gibt es schon eine Menge Unterschiede.
>
> physiologische Reaktion (z.B. Hormonausschüttung) ist *nicht*
> willentlich steuerbar.
>
Aber kann abhängig vom Wissen sein. So hat man z.B. festgestellt,
dass bei Männer, die wissen, dass sie Väter werden, (und sie müssen
es ja schon wissen)die Testosteronausschüttung, die wiederum von
anderen Hormonen im limbischen System gesteuert wird, erheblich
verringert wird. Ist sicher unbewußt, aber dennoch interessant, was
Wissen so verändern kann.
> Den Reiz “nicht registrieren” heißt in diesem Fall, entweder ist er
> nicht vorhanden (der visuelle Auslöser kommt nicht zustande, weil der
> Mann nicht hinschaut, oder er erreicht nicht die Reizschwelle, weil
> er nicht intensiv genug hinschaut), oder er wird durch andere Reize
> überlagert.
….oder er ist intensiv mit etwas anderem beschäftigt und
interessiert sich im Moment nicht für Sex und achtet deshalb nicht
auf die Reize, weil er in ganz anderen Gedanken ist, die ihm so
wichtig sind, dass er nicht einmal von Sex abgelenkt werden will. Die
sexuellen Reize haben da durchaus nicht grundsätzlich Vorrang. Ich
kenne jedenfalls Situationen bei mir und auch bei meinem Freund, wo
der andere sich durch die “Anmache” zum falschen Zeitpunkt eher
genervt fühlt. “Lass das, ich bin beschäftigt, gleich!” (und da kann
man sich mitunter echt Mühe geben, wenn die Bits und Pings einfach
gerade reizvoller sind, hat man wenig Chance!) Ist die Situation
allerdings so, dass beide regelrecht die “Anmache” des anderen
erwarten, dann ist man auch schon für kleinste Reize sensibilisiert.
(Vielleicht sollten sich die Leute, die viel Pornos verkonsumieren,
einfach ein interessantes Hobby zulegen.) Ich denke, die
Erwartungshaltung spielt (auch bei der Wahrnehmung) eine nicht
geringe Rolle.
>
> Die Schlußfolgerung gilt so nicht. Das limbische System, das Trieb-
> und Instinkthandlungen auslöst und beeinflußt, ist schließlich auch
> Teil des Gehirns.
Bei verschiedenen Gefühlen, auch sexuelle Lust, werden
Hormoncocktails ausgeschüttet, die zum Teil die gleichen Substanzen
beinhalten. Adrenalin z.B. Auch für andere Gefühle lösen
Schlüsselreize die Hormonausschüttung aus. Ich würde da dem Sexuellen
einfach keine Sonderstellung einräumen.
>
Zum einen ist Sexualverhalten
> aber nicht notwendigerweise Sozialverhalten.
Beim Sex werden allerdings Hormone ausgeschüttet, die z.B. das
Zusammengehörigkeitsgefühl bewirken. Davon abgesehen ist jedes
Verhalten, wo mehrere Menschen dran beteiligt sind Sozialverhalten.
Es gilt also nur nicht für den “Handbetrieb”
>
> Auch dabei gibt es inzwischen gesicherte physiologische Erkenntnisse,
> ohne daß man auf “Thesen” zurückgreifen müßte. Etwa daß die Frau von
> ihrer Physiologie her tatsächlich besser als der Mann in der Lage
> ist, viele Dinge gleichzeitig wahrzunehmen und auf sie zu reagieren,
> weil die Verbindung zwischen beiden Hirnhälften stärker ausgeprägt
> ist.
…und es ist umstritten, ob die Ursachen organisch sind, oder weil
Frauen eben mehr auf soziales Miteinander und damit Koordination
verschiedener Dinge, erzogen werden. Bei einem Musiker ist es
tatsächlich so, dass der Teil des Gehirns der für Musik zuständig ist
wächst, also größer ist, als bei anderen. Könnte also auch eine Folge
aus kulturbedingt verschiedenen Aufgaben von Mann und Frau sein. Man
weiß es noch nicht.
>

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