Was Kino ist und was nicht … - Ein Eroto-Porno-Grafischer Stunt
September 27th, 2008
pornoibt einen Unterschied zwischen Kino und Dokumentarfilmen: Ein
Dokumentarfilm beleuchtet einen dem Doku-Filmer wichtigen Aspekt des
Lebens und gibt so einen Teil (seiner) Realität wieder. Film an
sich ist eine künstlerische Behandlung(und jeder gute Film und
solche, die es wert sind, so bezeichnet zu werden, versteht sich als
Kunst) eines bestimmten Themas.
“Baise moi” ist kein Dokumentarfilm; er ist es nicht ein mal
am Rande. Er spiegelt lediglich die verquere Sichtweise einer Autorin
wieder, deren Lebensumstände katastrophal gewesen sein mögen
- die Regel sind sie auf alle Fälle nicht.
Es mag durchaus politisch korrekt sein, sich männerfeindlich zu
geben (und das bis zum Extrem); eine realitätsbezogene Aussage hat
dieser Film allerdings nicht. Der einzige Punkt, der ihn davor bewahrt,
als übelster Pulp verrissen zu werden (und das mit Recht) sind
seine pseudo-realistischen Sexszenen, die - da den allgemeinen Kino-
und Kunstkonventionen zuwiederlaufend - Astoß zur Diskussion
geben. - Eine Vergewaltigungsszene muß in jeder Detailliertheit
gezeigt werden, weil die Regisseure nicht in der Lage sind, das
Gefühl mit anderen Mitteln auszudrücken. Diser
künstlerischen Inkompetenz jedoch verdankt der Film seinen
(pseudo)dokumentarischen Charakter. - Wenn der Autor des obigen den
Film besprechenden Artikels diese extreme Darstellung als
“ehrlicher” gegenüber der “nur gespielten” und
in sofern “minderwertigeren und unechten” Szenen eines
Hollywood-Films empfindet, dann tut er genau das, was die
Regisseurinnen mit dem Einfügen dieser Szenen beabsichtigt haben -
er bemißt den realen Aussage-Gehalt des Filmes nach den
nichtgespielten Szenen. - Folgt man dieser “Ethik” so
müßten wohl demnächst auch die Gewaltszenen echt sein -
um des Realismus willen eben.
Doch genau durch diese Szenen, die hier schockieren sollen (und durch
ihre drastische Natur wohl genau das auch anfänglich tun) wird die
Unzulänglichkeit des Filmes deutlich, welche die Kontroverse in
Frankreich auslösten und ihn - dort - schließlich an seinen
verdienten Platz (in die hintersten Regale einer Schmuddel-Videothek)
verbannten: Ein Pornofilm kann zwar den Akt zeigen; was in den Menschen
vorgeht bleibt jedoch verborgen. Es wird auch nicht als wichtig
erachtet. “Baise moi” kann zwar durch den Realismus seiner
Darstellung und Machart schockieren - wirklich erklären, was in
Protagonisten vorgeht vermag er allerdings nicht. Dazu wäre
vielleicht ein wenig Dezenz von Nöten gewesen, doch an solcher
mangelt es hier absolut; es wird dem ganzen auch keine Bedeutung
beigemessen.
Der Kritikpunkt, welchen sich der Autor gefallen lassen muß,
bezieht sich weniger auf seine (Fremd)Wortwahl als auf seine -
vielleicht etwas übereilte - Urteilsbildung; die Bereitschaft, den
(scheinbaren) Realismus der Darstellung auf den Inhalt zu beziehen. -
Mögen Meinungen und Filme wie diese immer wieder Gegenstand einer
Kontoverse sein; ich möchte jedenfalls in keiner Welt leben, in
der beobachteter Sex der Schlüssel zu den eigenen Gefühlen
sein soll …